Der Leistungsträger - Blog

Vor einiger Zeit habe ich einen Ingenieur im Executive Coaching begleitet, der als Führungskraft die Möglichkeit hatte, in die Vorstands-Ebene aufzusteigen. Man hatte ihm von ganz oben zu verstehen gegeben, dass er gute Chancen hätte – aber auch, dass er etwas an seiner Haltung ändern müsse. Wenn er ganz nach oben will, so die Botschaft, braucht er mehr Härte und Ellenbogen. Soziale Kompetenz sei ja eine tolle Sache auf den unteren Ebenen, an der Spitze sei sie eher hinderlich. Flache Hierarchien werden in vielen Unternehmen als das Gebot der Stunde verkauft – in Wirklichkeit sieht es innen aber oft ganz anders aus und spätestens in der Top-Führungsebene ist Schluss mit lustig.

Flache Hierarchien und die Angst vor Machtverlust

Warum ist das so? Wer, sagen wir mal, älter als 40 ist, hat natürlich letztlich immer eingetrichtert bekommen, dass Führung nur mit einer gewissen Härte und Dominanz funktioniert. Es ist gar nicht so einfach, dass wieder aus dem Kopf zu bekommen und zu akzeptieren, dass Führung ganz anders funktionieren kann und auf lange Sicht auch muss. Bei vielen Führungskräften erzeugen flache Hierarchien aber auch Angst vor Machtverlust. So klammern sich viele an die Insignien der Macht wie den Dienstwagen oder das schicke Büro ganz oben. Einige spannende Beispiele für die Diskrepanz zwischen einem „Wir sind alle gleich“-Selbstverständnis einerseits und ganz klassisch besetzten Führungsrollen mit starkem Machtgefälle andererseits zeigt der Artikel: Der Dienstwagen lebt.

Vertrauen wird zerstört

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn der Chef lieber alleine im Büro sitzt oder Lust auf einen Sportwagen hat, ist dagegen erstmal nichts zu sagen. Schwierig wird es, wenn Schein und Sein komplett auseinanderklaffen. Denn dann gibt es ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wenn ein Unternehmen nach außen flache Hierarchien postuliert, aber nach innen eine kleine Elite regiert und es keine Mitbestimmung gibt, bleibt das nicht folgenlos. Jeder Mitarbeiter, jeder Kunde wird sich irgendwann fragen: Wenn das nicht echt ist, wo wird sonst noch gelogen? Vertrauen – die Basis jeder langfristig guten Beziehung, auch im Unternehmenskontext – wird so sukzessive zerstört.

Deshalb lautet mein Appell an Sie: Führen Sie im Einklang mit Ihrer inneren Überzeugung und überprüfen Sie diese in regelmäßigen Abständen. Was sind Ihre grundlegenden Werte und Motive?

Ihre Gudrun Happich

Fotoquelle: ©iStock

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei