Der Leistungsträger - Blog

Nicht? Ich auch nicht. Aber manchmal scheinen Vorgesetzte genau das zu erwarten: Dass Sie das Unmögliche doch noch irgendwie möglich machen. Auch wenn Sie dafür Naturgesetze außer Kraft setzen müssen. Und was tun viele pflichtbewusste und engagierte Führungskräfte, die ich kenne? Sie lassen sich tatsächlich darauf ein. Sie denken, dass sie das „irgendwie“ bestimmt auch noch schaffen. Überstunden, Wochenendarbeit, das volle Programm, und das oft über Monate hinweg. Und erst in allerletzter Minute, wenn wirklich alles kurz vor dem Zusammenbruch steht – dann suchen sie Unterstützung.

Tatsächlich kommen relativ viele Klienten zu mir, die sich von mir in dieser Situation erhoffen, dass ich doch noch eine Idee für sie habe, wie sie die übernommene Aufgabe irgendwie abschließen können.

Die harte Wahrheit

Was nicht geht, geht nicht. Vorgaben sind manchmal wirklich nicht erfüllbar. Auch der Coach kann da nichts mehr machen und irgendeine Rettungsstrategie aus dem Hut zaubern. Was allerdings in so einer Situation erfahrungsgemäß hilft, ist, sich klar zu machen, dass man kein Versager ist, weil man der Aufgabe etwa „nicht gewachsen“ ist. Im Gegenteil: Von einer fähigen Führungskraft kann man erwarten, dass sie ihre Möglichkeiten realistisch einschätzen kann. Und dann eben auch mal „Nein!“ sagt.

Das fällt gerade den hoch motivierten Leistungsträgern aber oft extrem schwer. Körperliche Signale, die darauf hinweisen, dass das Arbeitspensum den noch machbaren Umfang überschritten hat, werden gern überhört. Wenn ich in solchen Fällen nachfrage, geben meine Klienten aber oft zu, dass sie unter ständigen Kopfschmerzen leiden oder sogar Herzprobleme haben. Das sind sehr massive körperliche Warnhinweise, und diese zu ignorieren, ist meist keine gute Idee.

Erkennen Sie, was machbar ist – und was nicht

Der erste wichtige Schritt ist, dass Sie sich klarmachen, ob eine Aufgabe überhaupt realistisch zu bewältigen ist. Manchmal ist das nicht von Anfang an zu erkennen, sondern schleicht sich allmählich ein: Zu Ihrer Hauptaufgabe bekommen Sie nach und nach weitere Projekte zugewiesen – gerne mit dem Hinweis, dass man das gerade Ihnen gäbe, weil man ja wüsste, Sie könnten das bewältigen … Wenn dann neben den gewohnten Überstunden auch die Pausen wegfallen, Wochenendarbeit zur Regel wird und Delegieren nicht möglich ist, weil alles unter Zeitdruck erledigt werden muss – dann ist es höchste Zeit für die Notbremse.

Raus aus dem alten Verhaltensmuster!

Üblicherweise machen viele Führungskräfte an dieser Stelle einfach weiter, irgendwie werden sie es schon schaffen, denken sie. Sie arbeiten sprichwörtlich bis zum Umfallen.

Hier müssen Sie lernen: Es gibt natürliche Grenzen. Und ja, auch Sie unterliegen diesen Grenzen, und Sie sind deshalb nicht weniger gut als Führungskraft. Verstehen Sie, dass selbst Sie Naturgesetze nicht außer Kraft setzen können, beim besten Willen nicht.

Es geht auch anders

Wenn Sie also erkannt haben – und das ist eine extrem wichtige Erkenntnis für Ihre Karriere – dass das Arbeitspensum das zulässige Maß überschritten hat, müssen Sie in die Verantwortung gegenüber sich selbst und letztlich auch gegenüber dem Unternehmen gehen und das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen.

Da wir als harmoniebedürftige Wesen ungern in Konflikte gehen, schieben viele das zu lange vor sich her. Vielleicht hilft es, wenn Sie sich klarmachen, dass es ja nicht darum geht, einfach alles hinzuschmeißen. Überlegen Sie stattdessen, wie man das Thema konstruktiv angehen kann. Signalisieren Sie Ihrem Vorgesetzten, dass Sie auf jeden Fall eine gute Lösung finden wollen, dass Sie dabei aber auch auf seine Unterstützung angewiesen sind. Berücksichtigen Sie dabei immer auch die Situation, in der sich Ihr Vorgesetzter befindet. Der ist ja auch für Ihre Ergebnisse verantwortlich, und deshalb ist ihm im Allgemeinen nicht daran gelegen, dass Sie völlig überfordert zusammenbrechen.

Erwartungen abgleichen

Manchmal zeigt sich im Gespräch, dass sich an bestimmten Prozessen viel optimieren lässt, so dass Sie an dieser Stelle entlastet werden. Oder Sie können gemeinsam mit Ihrem Chef herausarbeiten, welche Vorgaben tatsächlich unverzichtbar sind – und welche durchaus noch Luft lassen. Es ist nämlich häufig so, dass die Erwartungen des Chefs eigentlich niedriger sind als Sie vielleicht denken.

Wenn Ihr Vorgesetzter allerdings nach wie vor von Ihnen verlangt, einen Kugelschreiber zum Schweben zu bringen – dann sollten Sie auch ganz klar und konsequent deutlich machen, dass Sie diese Aufgabe für nicht realisierbar halten. Lehnen Sie die Verantwortung in so einem Fall auch ab – zu Ihrer eigenen Sicherheit. Schließlich sind Sie der Profi in diesem Gebiet. Versuchen Sie aber immer, dennoch einen konstruktiven Vorschlag zu machen, statt die Aufgabe nur zu verweigern, und dokumentieren Sie das auch. So liegt der Ball erst einmal wieder im Feld Ihres Vorgesetzten.

Von „unerfüllbar“ zu „machbar“

Viele meiner Klienten im Executive Coaching haben auf diese Weise gelernt, erfolgreich mit dem Thema „unerfüllbare Vorgaben“ umzugehen – auch wenn ständige Überlastung für Führungskräfte ja ein Dauerthema bleibt. Aber umso öfter können Sie Ihren Umgang damit üben: rechtzeitig erkennen, was geht und was nicht – und passende Strategien entwickeln, um entweder unlösbare Aufgaben abzulehnen oder das Pensum auf ein machbares Maß herunterzuschrauben.

Natürlich würde mich interessieren, wie Sie mit diesem schwierigen Thema umgehen. Vielleicht haben Sie ja Lust, Ihre Erfahrungen mit mir und meinen Lesern zu teilen?

Ihre

Gudrun Happich

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei