Der Leistungsträger - Blog

Wie Sie IHREN Schlüssel zum Hamsterrad finden und aussteigen.

Ein Schritt-für Schritt-Plan

In der letzten Woche haben Sie erfahren, wie die Assistentin meines Klienten mit der Überforderung im Home-Office zu kämpfen hat. Ich versprach, dass ich Sie heute auf eine Tour durchs Schlüsselloch mitnehme: Wie geht’s den Entscheidern? Was beschäftigt die Geschäftsführer aktuell? Ich höre vermehrt diesen Satz: „Ich fühle mich fremdgesteuert!“. Dieses unangenehme Gefühl raubt einem jetzt zu Krisenzeiten schnell den letzten Nerv.

Erfahren Sie, wie Sie Ihren Schlüssel zum Hamsterrad finden: Wie Sie von der Fremdsteuerung zur Selbststeuerung gelangen. Aber der Reihe nach.

Bevor wir zu Lösungsideen kommen, erst einmal drei „typische“ Beispiele:

„Wie gehe ich mit Kurzarbeit um? Ich werde fremdgesteuert.“

Ein Beispiel:

Ich bemühe mich wirklich hier am Standort den Draht zu meinen Mitarbeitern zu halten. Offen und transparent zu kommunizieren, für die Sorgen und Ängste da zu sein, ein Ohr zu haben. Parallel versuchen wir natürlich hier im Unternehmen soweit wie möglich auf die Krise zu reagieren, umzustrukturieren und was eben jetzt so alles nötig ist. Wir sind im Bereich der Produktion und natürlich steht das Thema Kurzarbeit im Raum. Wie gehe ich damit um? Was sage ich meinen Mitarbeitern. Von der Konzern-Zentrale erhalte ich einfach keine Infos. Die einzige Formulierung: „Sie schaffen das schon!“. Ich fühle mich im Regen stehen gelassen. Ich fühle mich total allein gelassen und ausgeliefert. Ich werde fremdgesteuert. Wie gehe ich damit um?“

„Ich komme noch nicht einmal mehr dazu aufs Klo zu gehen“

Ein weiteres Beispiel:

Wie angekündigt, hatte ich in der Zwischenzeit mit dem Geschäftsführer des DAX 30 Unternehmens unseren „Zoom-Termin“. Ich fragte ihn, was ihn im Moment am meisten belastet:

Ach, wissen Sie was…. Was mich am meisten nervt ist das Gefühl fremdgesteuert zu sein. Mein Tag beginnt morgens um 7.30 Uhr mit den ersten Stand-Up-Meetings mit dem Vorstand, danach sofort mit meinen „Directs“, dann auch Einzel-Termine und immer wieder passiert natürlich was Neues, worauf ich schnell reagieren muss. Abends dann noch mal die gleiche Runde vom Morgen als „Tagesabschlussrund.“ Krisenmanagement halt. Alles vom Home-Office aus. Dass das grundsätzlich alles geht, ja, das habe ich erkannt. Manchmal ist es ja auch ganz schön, nicht zu allen möglichen Meetings zu reisen. Ich schaffe mittlerweile deutlich mehr in der vorhandenen Zeit. Die virtuellen Calls sind allerdings auch deutlich anstrengender, als die „analogen“… Aber: ich komme noch nicht mal mehr dazu auf’s Klo zu gehen. Ein Meeting nach dem anderen. Und wenn ich dann abends um 20 Uhr oder auch mal 20.30 Uhr aufhöre, sacke ich nur noch auf’s Sofa und starre Löcher in die Luft. – Auf meine Frau wirke ich absolut apathisch – und ich fühle mich auch so.“

Alles nur eine Folge von Corona – also von Krisenzeiten?

Ich krame weiter in den zahllosen Beispielen meiner Klienten. Fremdgesteuert – ist das die logische Erklärung in einem Krisenmodus? Falls ja, gäbe es dieses fremdgesteuert also in „normalen“ Zeiten nicht? – mir fallen gleich mehrere Beispiele ein, in denen meine Klienten ebenfalls von diesem Gefühl berichten.

„Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihre Loyalität gegenüber dem Unternehmen zeigen.“

Ein drittes Beispiel – schon weit vor Corona, welches zeigt, dass das Gefühl der Fremdsteuerung nicht an die aktuelle Krise gekoppelt ist.

Thomas D. ist der Traum eines jeden Arbeitgebers. Hoch engagiert, fachlich kompetent, charmant und zuverlässig. Er ist im größten Projekt des Unternehmens im „Pitch“ an entscheidender Stelle eingesetzt.

Thomas D. hat den Familienurlaub schon frühzeitig im Unternehmen angekündigt, hat alles, was er kann, entsprechend vorbereitet. Er hat eindringlich darauf hingewiesen, dass er in diesen 3 Wochen NICHT ansprechbar und verfügbar sei. Davor und danach könne man auf seinen vollen Einsatz zählen. Nicht jedoch während des Familienurlaubes. Dies hat er seiner Frau und seiner Familie felsenfest versprochen. Er erhielt von seinem Chef die Zusage. Thomas D. und vor allem seine Familie freuen sich auf den lang ersehnten Familienurlaub. Das ist auch nötig! Endlich mal ist die Familie für sich.

Thomas D. macht seinen Job hervorragend, manch andere in dem Pitch-Projekt nicht. Die Zeit wird eng. Thomas D. verabschiedet sich in seinen Urlaub. Zwei Stunden, bevor der Flieger abhebt erhält er einen Anruf vom Big-Boss-Vorstand „Thomas….. Sie wissen, wie wichtig dieses Projekt für das Unternehmen ist. Natürlich haben Sie ein Anrecht auf Urlaub. Sie können natürlich auch fahren. Ich möchte Sie nur darauf hinweisen, dass es dann wohl mit Ihrer weiteren Karriere hier im Unternehmen begrenzt ist. „Man“ erwartet hier Loyalität zum Unternehmen.“ – diese Worte fallen in einem sehr, sehr freundlichen warmherzigen Ton. Der Big Boss legt auf. Thomas D. kocht vor Wut. Ein Schlag ins Gesicht. Er fühlt sich erpresst und „fremdgesteuert.“

Was macht das Gefühl von fremdgesteuert aus?

So unterschiedlich diese Beispiele auch sind. Alle drei Klienten formulieren, dass sie sich fremdgesteuert fühlen. Auf meine Frage, wie genau sie dies Gefühl beschreiben würden, kommen folgende Formulierungen:

  • Ich fühle mich ausgeliefert
  • Ich fühle mich in meiner Freiheit eingeschränkt
  • Ich fühle mich abhängig
  • Ich habe das Gefühl, dass ich keine Wahl habe
  • Ich fühle mich ohnmächtig
  • Ich fühle mich handlungsunfähig
  • ….. was fällt Ihnen noch ein, wie Sie sich selbst in solchen Momenten fühlen?

 Wie kommt es überhaupt dazu? Welche Gedanken stehen hinter diesem Gefühl?

Ich wollte noch einen Schritt weiter gehen und habe alle gefragt, was sie denn „gedacht“ haben, bevor sich dieses Gefühl eingestellt hat. Der ein oder andere musste ziemlich lange grübeln, oder ich habe diese doch eher ungewöhnliche Frage gleich mehrfach gestellt, bevor eine Antwort kam. Das Spannende: Die Antworten fielen mehr oder weniger ähnlich aus:

Ich habe den Eindruck ich MUSS die Ansprüche/Erwartungen/Wünsche des anderen erfüllen. Und zwar JETZT und SOFORT!“

Überlegen Sie bitte mal für sich selbst, als Sie das letzte Mal das Gefühl von fremdgesteuert hatten! Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Was war der erste Impuls auf dieses „Fremdgesteuert“ zu reagieren?

Überlegen Sie bitte für sich selbst, was ist Ihr erster Impuls gewesen, als Sie sich das letzte Mal fremdgesteuert fühlten?

Meine drei Klienten antworteten sehr unterschiedlich: Der eine verfiel in eine Art „Schockstarre“, ihm fiel überhaupt nichts als Handlungsimpuls ein, ein anderer wollte sich sofort der Situation entziehen, der dritte wollte am liebsten eine Rebellion anzetteln.
Im normalen Leben gibt es meistens ganz spontane Reflexe, die den Kategorien „Flucht“, „Kampf“ oder „Erstarren“ zuzuordnen sind. So können wir das auch hier beobachten. Alle drei waren sich einig, dass dieser erste Impuls zwar nachvollziehbar, aber nicht konstruktiv war. Sie hatten auch darauf verzichtet in diesen Momenten ihren Impulsen zu folgen.

Fremdgesteuert: Was tun? Eine Hypothese!

Kommen wir also noch einmal zu dem Punkt, was ist das Schlimmste an der Fremdsteuerung:

Sie haben das Gefühl keine Wahl zu haben!

Damit haben Sie den Eindruck, dass Sie „gezwungen sind, auf eine bestimmte Art und Weise reagieren zu müssen!“ Schrecklich, oder?

Aber. Ist das wirklich so?

Hier kommt meine (theoretische) Hypothese.

a) Sie haben immer die Wahl!!
Ja, Sie lesen richtig. Meine Hypothese ist: Sie haben immer die Wahl!!

b) Wahl heißt nicht unbedingt, dass Sie die Wahl zwischen Gut und Schlecht haben. Manchmal gibt es auch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Aber Sie haben IMMER die Wahl!

c) Wählen Sie!

Puh, jetzt ist es raus. Was löst diese Hypothese bei Ihnen aus?
Ich hoffe, dass es Ihnen Luft und Freiheit verschafft.

Falls ja, dann habe ich mein Ziel erreicht.
Es geht darum, dass Sie wieder in eine Handlung kommen, dass Sie lösungsorientiert vorwärts gehen (können). Und dann können Sie die Zügel wieder in die Hand nehmen.
Raus aus der Fremdsteuerung – rein in die Selbstbestimmung

Umsetzung: Von der Fremdsteuerung zur Selbststeuerung:

Wie gelingt die Umsetzung in der Praxis? Eine konkrete Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Nehmen wir das Beispiel Thomas: Wie ist er in der Situation mit dem Gefühl von „fremdgesteuert sein“ umgegangen? (fairerweise muss ich sagen, dass wir für diesen konkreten Urlaubsfall schnell eine „Hilfslösung“ gefunden haben. Aber als einige Wochen später noch mal das Gefühl „fremdgesteuert“ auftauchte, haben wir uns die Situation näher angeschaut und eine Art Schritt-für-Schritt-Plan entwickelt)

1. Überlegung

Wenn ich mich fremdgesteuert fühle: Habe ich auf die Situation Einfluss?

Falls Ihre Antwort NEIN lautet: Wirklich nicht?

Nach mehrmaligem Hinterfragen werden Sie erkennen: Sie können Einfluss nehmen und Sie haben immer die Wahl. Stellt sich nur die Frage: Bin ich bereit die Verantwortung für diesen Schritt zu übernehmen?

2. Überlegung

Was genau führt zum Gefühl der Fremdsteuerung?

Thomas erkannte für sich, dass er sehr zuverlässig und engagiert ist. Dieses Image ist ihm wichtig.

Sobald eine Bitte oder eine Anfrage von jemand (egal wem) kam, verhielt er sich wie folgt:

  1. SOFORT auf die Anfrage reagieren.
  2. SOFORT ermöglichen, dass er der Bitte nachkommt.
    Sein Ziel: innerhalb kürzester Zeit LIEFERN.
  3. Da immer mehr Anfragen auf einmal reinkamen, fühlte er sich fremdgesteuert (von den Wünschen der anderen und dem eigenen Zwang es sofort erfüllen zu müssen – vorauseilender Gehorsam).
  4. In der Konsequenz machte er Flüchtigkeitsfehler und verschwitzte sogar einige Termine.
  5. Er erhielt Ärger, sein Image von „zuverlässig“ nahm Schaden im Sinne von „der ist unzuverlässig und oberflächlich“.
  6. Fazit: Gut gemeint ist nicht gut gemacht
  7. Reflektierende Gedanken: Erwarten die anderen überhaupt, dass ich die Anfragen SOFORT erledige? Bringe ich mich damit womöglich selbst in die Fremdsteuerung?
3. Überlegung

Konsequenz: Was macht er jetzt anders?

  1. Er erkannte, dass an dem Gefühl der Fremdsteuerung viel „Selbstgemachtes“ dabei war.
  2. Er veränderte sein Verhalten.

Sobald eine Bitte oder Anfrage von jemand (egal wem) kommt, verhält er sich jetzt wie folgt:

  1. Innerhalb von 24 Stunden wird auf die Anfrage reagiert.
    (damit zeigt er Zuverlässigkeit im Reagieren)
  2. Er überlegt:
    Ist es dringend? Ist es wichtig? Ist es dringend und wichtig?
    Je nach Antwort fällt sein Verhalten aus.
    WICHTIG und DRINGEND: er versucht zeitnah ein Zeitfenster zu ermöglichen.
    Ansonsten bedankt er sich freundlich für die Bitte und bietet ein Zeitfenster zu einem späteren Zeitpunkt an.
    (Wenn er es nicht weiß, fragt er nach: Wie dringend ist das jetzt?)
    (Er ist auch zuverlässig im Liefern, aber nicht unbedingt SOFORT.)
  3. Er behält den Überblick über seinen Terminkalender.
    Hier sind Zeitfenster für DRINGEND und WICHTIG bereits einkalkuliert. Ebenso für Ungeplantes und natürlich für die Regelmeetings und die „normalen“ Aufgaben.
    Trotz aller Puffer und Eventualitäten räumt er seinem Wochenarbeitskalender 50 Stunden Zeit ein. Nicht mehr!!
  4. Er schafft täglich innere Klarheit. Diese hilft ihm sich zu fokussieren.
  5. Er reflektiert bewusster: Was will ich? Was will ich nicht? Was muss ich? Was muss ich nicht?
4. Überlegung

Ergebnis: Hat sich die Fremdsteuerung zugunsten der Selbststeuerung aufgelöst?

Einige Monate nach diesem Coaching-Termin frage ich ihn, ob und inwiefern sich sein Arbeitstag und vor allen Dingen das Gefühl des Fremdgesteuertseins verändert hat.

Seine Antwort:

  1. Ich halte meinen Terminkalender bewusst „leerer“.
  2. Durch die innere Klarheit kann ich mich leichter fokussieren, behalte den Überblick und entscheide schneller: Passt die Anfrage/Bitte noch rein? Dann mache ich es. Passt sie nicht rein? Dann lasse ich es oder verschiebe es auf einen späteren Zeitpunkt.
  3. Ich habe bewusst Zeitpuffer für Pannen oder Dringliches in meinem Kalender.
  4. Im Ergebnis: mein Image ist wieder wie früher: Zuverlässig, Kompetent und man kann sich auf die Ergebnisse verlassen.

Meine wichtigste Lernerfahrung:

Ich kenne jetzt meinen Schlüssel zu meinem Hamsterrad und ich habe es jederzeit in der Hand auszusteigen.

Früher habe ich immer automatisch angenommen, dass ich jeder Bitte SOFORT entsprechen muss, dass ich belohnt werde, wenn ich schnell reagiere, wenn ich Dinge möglich mache. Aber ich fühlte mich durch die vielen Anfragen fremdgesteuert, weil ich glaubte den Erwartungen entsprechen zu müssen. Ich habe mich selbst in mein Hamsterrad gesperrt.

Das war eine bittere Erkenntnis.

Als ich anfing mehr Raum und Luft zum Reagieren zu lassen,

  1. hat sich meine Laune deutlich verbessert,
  2. wurden meine Ergebnisse besser,
  3. meine Beziehung zu den Anfragern ebenfalls
  4. UND ich erkenne: ich habe IMMER die Wahl!

Fazit: Ihr Schlüssel zum Hamsterrad

Sich fremdgesteuert fühlen ist ein sehr unangenehmes Gefühl. In diesem Artikel haben Sie gelesen, dass es natürlich zu Krisenzeiten auftritt, sich allerdings auch zu „ganz normalen“ Zeiten immer wieder in den Führungsalltag einschleicht.

Das schlimmste daran, ist das Gefühl keine Wahl zu haben, nicht handeln zu können und ausgeliefert zu sein.

Sie wissen jetzt, dass Sie IMMER die Wahl haben, wenn Sie als „Wahlmöglichkeit“ akzeptieren, in die grundsätzliche Handlungsfähigkeit zu kommen.

Sie haben ebenfalls einen Schritt-für Schritt-Plan:

  • Wie Sie IHREN persönlichen Schlüssel finden können.
  • Nehmen Sie IHREN persönlichen Schlüssel zum Hamsterrad in die Hand und steigen Sie aus.
  • Genießen Sie Selbststeuerung statt Fremdsteuerung.

Ich wünsche Ihnen viel Freude aus dem Hamsterrad der Fremdsteuerung auszusteigen. Nutzen Sie IHREN Schlüssel.

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

Alle SparringsPartnerschaften . Mentorings . Coachings finden wegen der Corona-Krise derzeit nur online statt. Alle Infos hier

P.S. Sie suchen eine Lösung für ein Führungsproblem – die zu IHNEN passt? Nutzen Sie das Online-Corona-Coaching, das Sie schnell wieder handlungsfähig macht.

Sie hören lieber?

Hier geht es zur passenden Podcast-Folge: „Ich hasse Fremdsteuerung“ | RAUS AUS DEM HAMSTERRAD #11

Photo: Depositphotos #80395624 ©snake3d

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei

CIO
Harvard Business Manager