Der Leistungsträger - Blog

Der Vergleich eines Top-Managers, Vorstands oder Geschäftsführers mit einem Extrembergsteiger liegt nahe. Der eine wie der andere hat auf seinen Erfolg lange hingearbeitet. Der Aufstieg ist mit vielen Mühen verbunden. Und je weiter Sie nach oben kommen, desto dünner wird die Luft und desto einsamer wird es um Sie herum. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Als Bergsteiger haben Sie es tatsächlich „nur“ mit sich, den eigenen Grenzen, der Natur, dem Berg, der Sie herausfordert und lockt, zu tun. Wenn Sie ins Top-Management eines Unternehmens sind oder dort hinwollen, sind Sie jedoch Führungskraft von und für Menschen. Und genau das macht die Einsamkeit an der Unternehmensspitze so problematisch. Gemeint sind damit vor allem zwei Aspekte.

Die Gefahr von Fehleinschätzungen

Je weiter Sie die Karriereleiter empor steigen, desto weniger findet ein offener Austausch unter Kollegen statt. Sobald Sie keinen Spiegel mehr haben, kein ehrliches Feedback mehr von außen bekommen, laufen Sie Gefahr sich in sich zu verzetteln, die Bodenhaftung zu verlieren oder sich für unfehlbar zu halten. Wir alle brauchen den Input von außen. Sonst rosten wir ein, bleiben stehen, entwickeln einen Tunnelblick. Fehleinschätzungen und falsche Entscheidungen, die sich für Sie als Top-Manager und das Unternehmen fatal auswirken, können die Folge sein. Die Einsamkeit im Top-Management wirkt sich aber auch auf Sie als Mensch aus.

Gefühle brauchen ein Ventil

Leider wird das Äußern von Gefühlen Top-Managern immer noch als Schwäche ausgelegt (Lesetipp: Emotionalität im Top-Management). Wenn Sie Unsicherheit, Selbstzweifel, Druck, Überlastung, Ohnmacht verspüren, versuchen Sie aus diesem Grund wahrscheinlich, das meiste davon mit sich auszumachen. Zu groß ist die Angst vor einem Gesichtsverlust. Freunde oder Partner können hier natürlich emotional und menschlich eine wichtige Unterstützung sein. Jedoch sieht es hier bei nicht wenigen Spitzenkräften sehr dünn aus: Zu oft haben Sie auf dem Weg nach oben ihr Privatleben vernachlässigt. Selbst dann, wenn es ein stabiles Umfeld gibt: Die Themen ganz oben können viele nicht nachvollziehen oder sie tun sie gar als Luxusproblem ab. So wird der innere Druck im Lauf der Zeit immer größer.

Schaffen Sie sich ein Helfersystem gegen die Einsamkeit an der Unternehmensspitze!

Mein Rat an Sie lautet: Schaffen Sie sich ein Helfersystem, das Sie versteht, unterstützt und entlastet. Einen Raum, in dem Sie offen sein können. Wie bereits erwähnt können Lebenspartner oder Freunde eine wichtige emotionale Stütze sein. In der Regel ist es ihnen aber nicht möglich, Ihre beruflichen Herausforderungen so abzufedern und zu spiegeln, wie es nötig wäre. Es bringt für Ihr privates Umfeld auch eine Entlastung und vermutlich einen qualitativen Gewinn, wenn Sie sich das klar machen. Teilen Sie also Ihr Helfersystem in verschiedene Rollen auf: privat, beruflich, gesundheitlich…

Oft bringt auch das offene Gespräch mit einem (Arbeits-) Mediziner neue Einblicke und Lösungen. Verschiedene Studien zeigen, wie stark sich Einsamkeit auf Körper und Geist auswirkt. Für die beruflichen Herausforderungen und Ihre innere Klarheit ist ein Sparrings-Partner oder Coach optimal, der Ihre Themen aus eigener Erfahrung kennt, also selbst Führungs-Erfahrung hat. Sie sollten das Gefühl haben, dass Sie aussteigen können aus dem Aquarium und die Fische von außen betrachten.

Suchen oder schaffen Sie sich zudem ein Netzwerk. Der Austausch mit Kollegen aus dem Unternehmen ist wichtig, bleibt aber meist an der Oberfläche, weil das Image gewahrt bleiben muss. Enorm entlastend ist der wirklich ehrliche Austausch mit Gleichgesinnten in einem geschützten Raum, zum Beispiel in einem Gruppencoaching.

Ihre Gudrun Happich

Fotoquelle: iStock

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei