Der Leistungsträger - Blog

Dieser Eintrag ist Teil 2 von 2 aus der Blogreihe Werteorientierte Unternehmensführung?

Was bisher geschah: Sie erinnern sich an Tom H., der als Top Manager die werteorientierte Unternehmensführung im aktuellen Unternehmen vorantreiben wollte und jäh gescheitert ist? Der ohne Vorwarnung die Kündigung erhielt und nun im Teufelskreis gefangen ist und den Ausstieg nicht schafft. Er fragt sich, was habe ich falsch gemacht?  Was soll ich jetzt meinem Umfeld sagen. Und der nagende Zweifel: Bin ich den Machtspielen meines Chefs in die Falle getappt? Hätte ich die Machtspiele, Manipulation erkennen können? Hätte ich aus den Machtspielen aussteigen können?

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Gescheitert – was ist passiert

Irgendwann hört Tom H. auf den Tipp eines Freundes und kontaktiert mich. Wir treffen uns zu einem ersten 3 – 4 Stunden Termin in Köln. Eine neue Umgebung in einer anderen Stadt schafft Abstand von der aktuellen Situation. Seine erste Frage im Executive Coaching lautet „Warum?“ „Was habe ich falsch gemacht?“.

Wir nehmen uns die Zeit und gehen erst einmal spazieren im benachbarten Park. Tom H. nimmt sich den Raum seinen Emotionen Luft zu machen. Er erzählt und erzählt. z .T. unstrukturiert, aber das ist vollkommen egal. Er formuliert „ich brauche jetzt einen echten Sparrings-Partner, der mir zuhört, mich ernst nimmt, der sich mit solchen Situationen auskennt und bei dem ich das Gefühl habe ein haltgebendes Gegenüber zu haben. Was ich gar nicht brauche sind „Sprüche“ wie „das wird schon.“ Nach ca. der ersten Stunde wird er merklich ruhiger, die Anspannung löst sich auf. Er wirkt schon etwas entlastet.

Auf meine strukturierte Frage, was seit der Kündigung passiert ist formuliert Tom H.: „Nicht viel. Ich habe immer wieder nach einer Begründung gefragt, aber das was ich gehört habe, hat mich nicht überzeugt. Ich fand es fadenscheinig. Aktuell klären die Anwälte die Abwicklung. Ich will nur noch Abstand haben.“

  • Was bleibt ist die Enttäuschung und die quälende Frage nach dem WARUM?
  • Warum bin ich gescheitert?
  • Lag es an mir? Was habe ich falsch gemacht?
  • Was habe ich übersehen?
  • Sind da etwa Machtspiele gewesen? Hätte ich die Machtspiele erkennen können, hätte ich die Manipulation erkennen können und hätte ich bei den Machtspielen aussteigen können?
  • Soll ich noch mal das klärende Gespräch suchen?
  • Und wie geht es jetzt weiter?
  • Geht es überhaupt weiter?

Nach der ersten „Entladung“ ist die Zeit gekommen im ersten Termin die Ziele für den Coaching-Prozess zu formulieren und einen Plan zu entwickeln. Für Tom H. bedeutet dieses Vorgehen eine weitere enorme Entlastung. Er bekommt einen Rahmen und eine Struktur, die ihn aus dem inneren Chaos befreien kann.

Geplant ist erst einmal ein persönlicher Termin pro Monat. In der Zwischenzeit mailen wir bei Bedarf, um uns kurz auszutauschen. Ich empfehle Tom H. für die nächste Zeit ein kleines Reflexions-Tagebuch zu führen. Jeden Tag 5 max. 10 Minuten soll er die wichtigsten Gedanken und Emotionen aufschreiben. So muss sich sein Kopf nicht mehr mit diesen Gedanken beschäftigen und es trägt zur Entastung bei.

Der PLAN, was machen wir – Wie geht es weiter?

Der konkrete Plan für Tom H. sieht folgendermaßen aus:

  1. Enttäuschung verarbeiten, Selbstzweifel bearbeiten
  2. Die konkreten Situationen mit dem letzten Chef reflektieren.
  3. Klarheit schaffen, Machtspiele erkennen, Manipulation erkennen
  4. Eine Kommunikation nach außen entwickeln
  5. Plan und Strategie entwickeln, wie es für Tom H. jetzt weiter geht

Hierbei gehen wir intuitiv vor. In jedem Termin bearbeiten wir das Thema, was aktuell den größten Druck auslöst. So spürt Tom H. schneller das Gefühl der Erleichterung.

Spannend wird es, als wir uns die konkreten Situationen mit Herrn Z. anschauen. Wir analysieren die Situationen, wir beleuchten die Zusammenhänge und nehmen verschiedene Blickwinkel ein. Wir analysieren das GESAGTE und betrachten darüber hinaus die VERHALTENSEBENE. Passt es zusammen? Hier geht es darum ganz genau hinzuschauen: Was ist genau passiert? Wer hat was gemacht? Wie was die Reaktion darauf? Tom H. versucht sich daran zu erinnern, wie es ihm genau in der Situation ging, was er gedacht hat, was er gefühlt hat. Wie er sich verhalten hat. Das fällt ihm am Anfang eher schwer, weil die ganze Situation schon so vernebelt ist. Doch Tom H. wird bewusst, er muss hier jetzt genau hinschauen um Licht ins Dunkle zu bringen. Vermuten bringt nichts, wir brauchen Tatsachen.

Tatsächlich: weil Tom H. keine verständlichen Antworten auf seine Fragen erhalten hat, hat er sich auf die wohlklingenden Worte oder auch auf „Nicht Gesagtes“ von Z. verlassen und nicht mehr auf das Verhalten geachtet. In dem wohlmeinenden Vertrauen darauf: das Team ist prima, mit dem Vorstand komme ich gut klar und wir wollen ja alle das gleiche, hat er auf die feinen und versteckten Botschaften von Herrn Z. nicht gehört. Sein Bauchgefühl hat er in diesen Momenten komplett zur Seite geschoben. „Au Backe, da habe ich mich ja tatsächlich selber blind gemacht in der Hoffnung auf die schöne heile Welt. Von werteorientierter Unternehmensführung zu reden heißt nun mal nicht, auch wertorientierte Unternehmensführung zu leben.“, murmelt Tom H. etwas bedrückt.

Machtspiele erkennen, Manipulation erkennen und aussteigen

Ich erkläre anhand SEINER konkreten Situationen wie er die dort vorhandenen Machtspiele erkennen kann, wie er Manipulationen erkennen kann und vor allen Dingen, wie er in Zukunft aus solchen Machtspielen aussteigen kann. Denn es wurde deutlich: Herr Z. war aus anderem Holz geschnitzt. Er war kein Vertreter der werteorientierten Unternehmensführung, sondern eher Verfechter des alten hierarchischen Führungsverhaltens. Allerdings dabei hochpolitisch und geschickt.

Tom H. verschafft sich Klarheit und einen Überblick, was denn tatsächlich zum Scheitern seiner Person geführt hatte. In seinem Falle lag es nicht an seiner Person, sondern eher daran, dass sein neuer Vorgesetzter ganz andere Pläne für sein Fortkommen sah und Tom H. in seiner Art und Weise dazu nicht passte. Tom H. war als gestandener Top Manager und Inbegriff der werteorientierten Unternehmensführung tatsächlich den Machtspielen auf den Leim gegangen.

„Das hätte ich nie geglaubt, dass mich das noch mal so erwischt. Ich hatte angenommen, ich würde Machtspiele erkennen, doch da hatte ich mich wohl getäuscht.“

Tom H. ist im ersten Moment aufgebracht: „Aber er hätte mir doch sagen können, das er Führung anders versteht und will. Ich bin doch ein Mensch mit dem man reden kann.“ Ja, ich stimme Tom H. zu. Schöner wär‘s gewesen, aber leider war die Realität eine andere.

Er fragt: soll ich noch mal das klärende Gespräch suchen? Wir überlegen, reflektieren noch mal die letzten Situationen und Tom H. erkennt für sich: Herr Z. ist verschlossen und kein Mann der Worte. Ein Gespräch macht keinen Sinn. Es geht ja darum, dass ich für mich die Situation verarbeite, dazu brauche ich das Gespräch mit Herrn Z. nicht mehr.

Tom H. wird immer ruhiger, gewinnt immer mehr Abstand zur Situation und so fällt es ihm auch vergleichsweise leicht, als wir im nächsten Termin über die Kommunikation nach außen sprechen. Er will die für ihn passendste Formulierung finden: „Unsere Vorstellungen des Führungsstils passten nicht überein.“ Kurz und schmerzlos, ohne Groll und Verdruss kann er das jetzt formulieren. Wir befinden uns erst im 3. Termin und Tom H. wirkt schon viel gelassener und ist kaum mehr wiederzuerkennen zum ersten Termin.

„Ich bin schon echt überrascht, denn ich habe mich ja mehrere Monate immer im Kreis gedreht und gegrämt und sah keinen Ausweg mehr, mein Selbstbewusstsein rutschte immer mehr in den Keller. Jetzt wo ich verstanden habe, um was es in diesem „Spiel“ wirklich ging und welche Rolle ich da gespielt habe, bin ich im Inneren viel aufgeräumter, klarer und entspannter. Die Selbstzweifel sind wie weggeblasen.“

Eine Strategie entwerfen: Was ist der nächste Schritt

Die neue Strategie, wie es für Tom H. weitergeht, braucht etwas mehr Zeit und Raum. So richtig hatte er sich darüber noch nie Gedanken gemacht, denn in der Vergangenheit hat sich leicht immer wieder eine neue Gelegenheit aufgetan, die er dann genutzt hat. Immer nach dem Motto: „Das wird schon“.

Diesmal wollte er es anders machen. Wir haben genau herausgearbeitet, was seine Stärken, seine Motive, seine Besonderheiten und auch seine Wünsche an eine neue Position sind. In einem mehrstufigen Prozess wird er sich darüber immer klarer während er innerlich immer stabiler wird. Am Ende hat er seine persönliche „Chipkarte“ entwickelt. Er weiß jetzt was er will, was für ein Unternehmen zu ihm passt und wie er dieses Unternehmen finden kann. Das erste Mal in seinem Leben wird ER aktiv und sucht sich das zu IHM passende Unternehmen aus.

In einem der letzten Coaching-Termine formuliert er:

„Ich hätte nie geglaubt, das mit vergleichsweise wenig Aufwand so viel Wirkung entsteht. Hätte ich den Schritt ins Coaching doch eher gewagt. Ich hätte viel Zeit und Nerven gespart.“

Ergebnis: Das Happy-End

Innerhalb weniger Monate kam Tom H. aus dem größten emotionalen Tief in eine stabile Verfassung. Souverän und gestärkt hat er nicht nur das „Scheitern“ verarbeitet, sondern auch einen klaren Plan, wie es für ihn weitergeht und welche Unternehmen und welche Position er sich suchen wird. Er wird sich auch weiterhin für die werteorientierte Unternehmensführung einsetzen. Er wird als Top Manager eine zu ihm passende Position übernehmen. Ja, und er weiß jetzt genauer, wie er Machtspiele erkennen, und aus Machtspielen aussteigen kann. Er kann auch Manipulation leichter erkennen. Ihm ist auch klar geworden, dass auf dem neuen Weg zu einer werteorientierten Unternehmensführung trotzdem Machtspiele durchs Chefs erfolgen können. Wir sind nun mal alles Menschen auf unterschiedlichen Bewusstseins- und Entwicklungsebenen.

Er ist selbstbewusst, durch die Erfahrungen gereift und schaut positiv in die Zukunft. Er hat wieder Kontakt mit seinem normalen Umfeld und trifft sich auch wieder mit den Kollegen aus dem vorletzten Unternehmen. Für die Kollegen aus dem letzten Unternehmen braucht er noch ein wenig mehr Zeit, aber für ihn ist klar, dass der Zeitpunkt kommen wird, wo „ich mit meinen alten „Jungs“, wie er sein Team nennt, „auch wieder angenehme Abende verbringen werde.“ Im letzten Termin formuliert er noch: „Und wenn ich die neue Position gefunden habe, dann arbeiten wir gleich wieder zusammen, damit der Start in die neue Rolle im neuen Unternehmen gut gelingt. Ich überlasse meinen Erfolg jetzt nicht mehr dem Zufall und der guten Hoffnung.

Fazit:

An der Unternehmensspitze geht alles schneller. So kann ein jähes Ende scheinbar unvermittelt vor der Tür stehen. An der Spitze geht das meistens schneller und manchmal auch schonungsloser als im mittleren Management. Daran können Sie nichts ändern, aber Sie sollten es wissen.

Denn: Scheitern ist nie schön. Es ist mit viel Schmerz, Enttäuschung und Selbstzweifel gepaart. Lassen Sie es nicht soweit kommen. Gerade an der Unternehmensspitze und gerade bei dem aktuellen Kulturwandel, der in  so gut wie allen Unternehmen ansteht, passieren mitunter Dinge, die man nicht versteht, und vor allem unter dem Aspekt einer werteorientierten Unternehmensführung nicht verstehen will.

Seien Sie „wachsam“, indem Sie immer wieder aufmerksam auf Ihr Bauchgefühl hören und parallel den Realitätscheck machen, sprich auf das Verhalten Ihrer Umgebung achten. So können Sie ein inneres Frühwarnsystem entwickeln. Sie wünschen sich, dass es an der Spitze einer werteorientierten Unternehmensführung keine Intrigen, Machtspiele und Politik mehr gibt? Ja, diesen Traum habe ich auch, dennoch sind wir im Wandel und mittendrin im Prozess. Daher ist es wichtig Machtspiele und Manipulation zu erkennen. Das ist eine echte Kunst, die uns Leistungsträgern nicht in die Wiege gelegt ist.

Werteorientierte Unternehmensführung?

Aber: man kann es lernen und so auch frühzeitig aus Machtspielen aussteigen. Denn werteorientierte Unternehmensführung ist eine schöne Vision, die nur Sinn macht, wenn wir die realen Akteure ebenfalls wahrnehmen. Dann kann es gelingen, das Sie die Zukunfts-, Leistungs- und Arbeitswelt nach Ihren Vorstellungen entwickeln und an der Spitze führen, ohne sich zu verbiegen. Ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen aufbauen und eine zufriedene Mannschaft entwickeln – zum Vorteil für Sie selbst, dem Unternehmen und Ihren Kunden.

Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie nie in eine solche Situation kommen, falls doch, dann wissen Sie jetzt: Nicht zu lange warten, sonst nistet sich das „Versagergefühl“ zu lange ein. Es gibt eine Lösung, es gibt einen Weg – auch für Sie.  Schreiben Sie mir gerne Ihre Erfahrungen oder kommentieren Sie in meinem Blog. Ich freue mich auf Ihre Antworten.

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

P.S. Wie Sie werteorientierte Unternehmensführung in Ihrem Unternehmen leben?
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Bildquelle: ©depositphotos.com #5923204 leeser

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