Der Leistungsträger - Blog

In meinen Beiträgen greife ich Themen auf, die die Klienten (Leistungsträger), in meinen Führungskräftecoachings bewegen und die in der Regel mit moderner Führung, Klarheit in der Positionierung, Transformation und Leistungserhalt zu tun haben. Ich nenne meine Lieblingszielgruppe schon seit vielen Jahren Leistungsträger. Deshalb heißt dieser Blog „Der Leistungsträger-Blog“. Immer wieder werde ich gefragt, was oder wen ich damit eigentlich meine. Ich habe zwar schon öfters hier in Blog-Beiträgen erklärt, welchen Typus von Mitarbeiter ich unter „Leistungsträger“ verstehe. Gerne möchte ich allerdings hier einmal eine vollständige – subjektive -„Definition“ liefern.

Leistungsträger – eine Definition

Dieser Begriff ist schwerfällig und klingt erst einmal wenig „sexy“. Viele meiner Klienten assoziieren mit diesem Begriff „Anstrengung“, wo sie sich doch so sehr Leichtigkeit in ihrem Leben wünschen. Andere im Unternehmen sehen das ganz anders: „das sind die „Macher“ auf die ich mich verlassen kann“ und die Augen fangen an zu leuchten.

Was zeichnet diesen „Charakter-Typ“ Leistungsträger aus?

Ich verwende den Begriff Leistungsträger für überdurchschnittlich engagierte Menschen mit hohem Verantwortungsbewusstsein und sozialer Kompetenz.

Sie definieren sich weniger über Macht und Status als über Leistung. Sie wollen etwas bewegen, aber keine Karriere mit Ellenbogendenken oder -verhalten. Eine typische „Beißerkarriere“ mit dem Fokus „ICH FIRST“ lehnen sie ab.

Bei ihnen steht mehr ihr Tun, ihre Leistungen für einen höheren Zweck (das Unternehmen, die Gesellschaft, die Familie, etc.) im Vordergrund. Klar, wollen sie Erfolg, Einfluss nehmen, etwas gestalten, doch steht immer das Gemeinwohl im Vordergrund und ist wichtiger. Viele meiner Klienten formulieren es so: „Ich möchte gemeinsam mit meinem Team das Unternehmen nach vorne bringen. Für eine bessere Führungs- und Arbeitswelt.“ Sie sind mit hoher emotionaler Intelligenz ausgestattet.

Leistungsträger kommt von „leisten“  – Sie wollen Einfluss nehmen

Der typische Leistungsträger ist leistungsmotiviert, d.h. er leistet gerne und „leisten“ im Sinne von sich engagieren und einbringen stellt für ihn einen hohen Wert dar. Die Leistung verstehen sie häufig über machen oder tun, also die Aktion.  Dabei ist er vielseitig, loyal und ausdauernd. Ein echter Hands-on-Typ.

Wenn irgendwo mal etwas außer der Reihe erledigt werden muss – ein Leistungsträger hilft Ihnen gerne – i.d.R. ohne zu murren. Denn darauf ist er spezialisiert: handeln – schaffen – wirken – sich engagieren – sich selbst zu Höchstleistungen motivieren. Dabei braucht es keinen Druck von außen. Gibt es ein „lohnendes“ Ziel, legt er los. Mit Begeisterung engagiert er sich für Projekte, kann seine Mitarbeiter motivieren und geht stets als Vorbild voran. Er lebt vor, wovon er überzeugt ist.

Vorteile für das Unternehmen

Bei seinen Vorhaben hat er einen hohen Anspruch. Vor allem an sich selbst. Wenn etwas schief geht, sucht er zunächst bei sich selbst. Er überlegt, wo er selbst noch etwas verbessern oder optimieren kann. Schuldzuweisungen an andere können Sie bei diesen „Charakter-Typen“ vergeblich suchen.

Steht er vor einer Herausforderung bzw. einem Problem, tüftelt er so lange herum bis er eine Lösung gefunden hat. Eine Lösung, die das Unternehmen weiterbringt. Das kann dann auch nach Feierabend sein. Das Ergebnis steht für ihn im Vordergrund und dafür ist er bereit, viel zu arbeiten. Sehr häufig zeichnet er sich durch eine besondere Kreativität und praktische Intelligenz aus. Ja, und er ist besonders fleißig. Und meistens auch noch schnell dabei.

Für Unternehmen und Arbeitgeber sind diese Leistungsträger daher verlässliche Säulen. „Man“ weiß, dass sie „dranbleiben“, nicht aufgeben, und so erhalten sie häufig wichtige Projekte und Aufgaben. Außerdem „meckern“ sie nicht. Sie sind sich darüber bewusst, dass das Leben kein Ponyhof ist, dass Berge auch erklommen werden müssen und dass zur Unternehmenswelt „Regeln“ zählen, an die man sich halten sollte.

In der Personalstruktur eines Unternehmens machen sie ca. 5 – 10 % aus.

Die Formulierung „Overachiever“ – Überleister – Überflieger – bringt mit anderen Worten ähnliches auf den Punkt. Es gibt Unternehmen, die diese Kultur besonders fördern. Auch im Rekrutierungsprozess werden manchmal genau solche „Typen“ besonders gesucht: Man bekommt so „die Besten“ im Sinne, dass es die sind, die sich am meisten reinhängen werden. Übrigens gibt es dabei keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Meiner Erfahrung nach sind sie bei beiden Geschlechtern zu gleichen Teilen vertreten.

Säulen, aber selten die Stars

Obwohl sie so wichtig und auch oft sehr erfolgreich sind, sind sie fast immer die Säulen, aber selten die Stars in einem Unternehmen. Warum? Einfach ausgedrückt: Sie sind oft so im operativen Tagesgeschäft und mit „Probleme-Lösen“ beschäftigt, dass sie kaum Zeit für’s Netzwerken und „Karriere machen“ finden. Ihre eigene Person nehmen sie in der Regel nicht so wichtig.

Sie fallen zwar durch ihre positiven Ergebnisse auf, allerdings werden sie bei der Beförderung oftmals vergessen. Auch hier gibt es zwei Gründe: Zum einen, will man sie nicht gehen lassen, denn dann würde ja eine wichtige Säule im eigenen Bereich fehlen. Und zum anderen: Sie verkaufen sich häufig unter Wert. Insgesamt ist Ihren dieses „sich selbst verkaufen“ auch zuwider. Sie wollen durch ihre Leistung überzeugen und nicht durch politisches Taktieren und strategisches Kalkül.

Im Executive-Coaching höre ich von ihnen oft den Satz: Bin ich eigentlich der Depp vom Dienst?

Natürlich machen sie Karriere und nicht selten findet man sie an der Unternehmensspitze, doch oftmals bleiben sie – objektiv gesehen – unter ihren Möglichkeiten.

Moderne Arbeitswelt – Digitale Transformation

Der Leistungsträger ist ein echter Hands-on-Typ. Ihm gefällt eine Position nicht der Nadelstreifen, sondern eher um der Gestaltung willen. Er kann mit flachen Hierarchien umgehen, ja, er fördert sie sogar und pflegt echte, partnerschaftliche Beziehungen. Er bringt alles mit, was eine moderne Führungspersönlichkeit braucht.

Damit ist er prädestiniert für die moderne Führungs- und Arbeitswelt, bei der es eher um die Inhalte und nicht um den Status geht. Bei der es um Vormachen und Mitmachen und nicht um Command & Control geht. Ich wünsche allen Unternehmen, dass sie dieses Potential erkennen und die Leistungsträger IM Unternehmen bestmöglich einsetzen.

Wie viele andere Experten auch bin ich davon überzeugt, dass sich der Typ „Leistungsträger“ künftig in den Führungsetagen durchsetzen wird. Auch ganz oben an der Unternehmensspitze.

Die Nachteile für den Leistungsträger selbst

Wir haben – aus der Sicht der anderen – eine Menge Vorteile gesehen. Doch neben der Sonnenseite gibt es natürlich auch die Schattenseiten. Und zwar für den Leistungsträger selbst. Sie leisten unglaublich viel, setzen sich für andere und das Unternehmen ein, dass sie sich manchmal selbst verlieren. Oftmals verlieren Sie ihre Werte und auch ihr Wohlbefinden aus den Augen. Auch Grenzen ziehen ist nicht Ihre Stärke.

Optimierungsfalle

Mit ihren hohen Ansprüchen an Sie selbst sind sie natürlich sehr selbstkritisch mit sich selbst. Sie sind bereit, sich permanent weiterzuentwickeln. Diese Offenheit ist einerseits begrüßenswert, doch bei einem typischen Leistungsträger gibt es immer etwas zu optimieren und zu verbessern. Gut ist eben nicht gut genug. Und nicht selten leiden sie irgendwann unter ihrem selbst auferlegten Perfektionismus. Sie „strengen sich an“ – und das ist anstrengend. (Sie erinnern sich, dass viele Leistungsträger den Begriff  mit „Anstrengung“ assoziieren?)

Burnoutgefahr

Dieses Muster des extremen Anstrengungswillen macht Leistungsmenschen anfällig: Gelingt ein wichtiges Projekt nicht, oder verlieren sie den Job, fallen sie tief. Sie neigen auch zur Überanstrengung, die in den Burnout führen kann.

Überforderungsfalle

Somit überfordert er nicht nur sich selbst, sondern manchmal auch das Umfeld. Und wenn ein Leistungsträger schlecht drauf ist, dann sehen sie ihm das auch sofort an: Er wird ernster, auf der Stirn zeigen sich „Querfalten“, der Ton wird rauher, manchmal spielen auch die Kiefernmuskeln. Jetzt ist er noch nach außen geduldig, im Innern ist er kurz vorm Platzen. Er drückt seine Gefühle weg.

Wenn er denn mal laut wird, tut es ihm später ziemlich leid. Aber in dem Moment musste es einfach raus. Und er selbst hat schon wieder einen „Optimierungspunkt“ auf seiner Liste.

Unzufriedenheit – Leistungsanspruch

Die Crux für den Leistungsträger ist seine chronische Unzufriedenheit. Manchmal ist er sich dessen gar nicht bewusst. Seine große Sehnsucht: Er möchte anerkannt werden und Anerkennung von seinem Umfeld bekommen – und zwar für sich als Person, weniger für seine Leistungen.

Dafür ist er bereit viel zu Leisten. Das ist seine „Erfolgsstrategie“ – doch wenn er aus diesem Hamsterrad keinen Ausweg findet, dann wird das nichts. Die Zufriedenheit stellt sich dann meist nur für kurze Zeit ein und verliert sich dann wieder. Ein Teufelskreis, den ich in meinem Buch Was wirklich zählt beschrieben habe.

Guter Rat an den Leistungsträger

Was sollten Sie als Leistungsträger tun, wenn Sie erkennen, dass sich die Vorteile, die die anderen durch Sie erfahren, bei Ihnen eher in Unzufriedenheit und Frust niederschlagen? Wenn Sie erkennen, dass irgendetwas nicht mehr passt? Wenn sich Selbstzweifel breit machen?

Der Weg zur mehr Zufriedenheit, Leichtigkeit und Leidenschaft

Wenn Sie erkennen wie ein System funktioniert. Wenn Sie die „Wirk“-Zusammenhänge von Ihrem Unternehmen, Ihrem Umfeld und Ihrem eigenen Verhalten erkennen, dann könnte dies bereits ein guter Anfang sein. Es ist vollkommen in Ordnung nicht immer ALLES und mehr als ALLEs zu geben. Manchmal kann auch der erste Schritt sein: „Ich gehe heute mal pünktlich nach Hause. Und mache mir Gedanken darüber, was ICH eigentlich will.“

Sie sind gut so wie Sie sind!“ schwer zu glauben für diesen Charakter-Typ. Allerdings ein guter Anfang.

Machen Sie sich bitte bewusst: Die Lösung liegt definitiv NICHT in immer mehr und höherer Leistung. Manchmal beginnt es mit einer anderen Haltung und Einstellung zu sich selbst.

Leistungsträger auf allen Hierarchiestufen

Leistungsträger gibt es selbstverständlich auf allen Hierarchiestufen: es kann die Krankenschwester, der Monteur, die Sekretärin oder der Manager sein. In meinem Blog und in meinen Executive Coachings spreche ich die Leistungsträger unter den Führungskräften, in erster Linie Top-Management und Unternehmenslenker, an. Damit sich wirklich an unserem System, in den Unternehmen hin zu einer offenen, modernen Führungskultur etwas ändert, muss man ganz oben, an der Spitze ansetzen – das ist mir in den vergangenen Jahren immer klarer geworden.

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

P.S. Wie Sie Leistungsträger und High Performer erkennen und mit Ihnen umgehen lesen Sie in dieser Blogserie: High Performer erkennen, führen und halten

Bild: Depositphotos #39334193 ©ChrisVanLennepPhoto

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei

CIO
Harvard Business Manager