Der Leistungsträger - Blog

Gerade die besten Leistungsträger eines Unternehmens stellen sehr hohe eigene Ansprüche an ihre Arbeit. Das birgt die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen – und so in der Perfektionismusfalle zu landen. Als Führungskräfte-Coach habe ich vielfach Fälle erlebt, in denen Leistungsträger beinahe an diesem Anspruch gescheitert sind. Erfahren Sie jetzt, wie Sie Ihren Perfektionismus ablegen – und im Ergebnis für weniger Leistung mehr Lob und Anerkennung ernten.

Perfektionismus: Fluch oder Segen?

Ist Perfektionismus gut oder schlecht? Ich denke, es kommt darauf an. Wenn Sie ins Krankenhaus müssen und eine wichtige Operation ansteht – wen hätten Sie lieber? Ich bevorzuge auf jeden Fall einen Perfektionisten als Chirurg. Aber ist absoluter Perfektionismus immer die erste Wahl?

Mit Perfektionismus am eigenen Anspruch scheitern?

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Marketingleiterin stellte an sich selbst den Anspruch, jede Aufgabe fehlerfrei und auf höchstem Niveau auszuführen. Sogar Dinge, die sie delegierte, wollte sie mindestens ebenso gut beherrschen wie ihre beauftragten Mitarbeiter.

Indem sie von der Produktbeschreibung bis zur Führung ihrer Mitarbeiter perfekte Leistungen abliefern wollte, setzte sie sich selbst unter Stress. Und wozu führte das? Sie war permanent überfordert, ständig unter Zeitdruck, für ihren Vorgesetzten immer weniger greifbar. Sie wollte immer „alles richtig“ machen und glaubte, auf diese Weise die Erwartungen des Chefs zu erfüllen.

In die Perfektionismusfalle gelaufen

Der Perfektionismus der Klientin führte zum genauen Gegenteil: Ihre Leistungen waren für den Vorgesetzten nicht mehr zufriedenstellend. Aus diesem Grund kam sie ins Executive Coaching. Wie viele meiner Klienten – und nicht nur jene, die erstmalig in leitender Position sind – sah sie sich nach wie vor als inhaltliche Spezialistin. Sie glaubte, beide Aufgaben perfekt ausfüllen zu müssen – jene als Fachexpertin und jene als Führungskraft.

Ihr war nicht klar, dass sie damit freiwillig zwei Vollzeitaufgaben erfüllen musste. Das kann nicht funktionieren – und ist vom Vorgesetzten nicht so gewollt. Meine Klientin konnte ihren Perfektionismus einfach nicht ablegen und ist mit Volldampf in die Perfektionismusfalle gelaufen. Statt Lob und Anerkennung erntete sie mit der permanenten Überforderung nur Kritik, weil sie nur Mittelmaß erbrachte – und ihre Rolle als Führungskraft nicht mehr professionell ausfüllte.

Frust statt Lust: wenn Perfektionismus in die falsche Richtung läuft

Im Executive Coaching erlebe ich immer wieder, wie die besten Kräfte eines Unternehmens an ihrem eigenen Perfektionismus scheitern.

Der Wunsch nach Perfektion ist im Grunde ein sehr positiver Wesenszug vieler Leistungsträger. Doch als Perfektionist immer und überall möglichst gute Leistung abzuliefern zu wollen, verkehrt sich ins Gegenteil.

Führungskräfte in dieser Perfektionismusfalle erfüllen die Erwartung des Vorgesetzten nicht mehr und überfordern sich selbst.

Deshalb ist es so wichtig, den Unterschied zwischen Perfektionist und wirklichem Profi wahrzunehmen. Ein Profi läuft nicht in die Perfektionismusfalle – er legt den Perfektionismus ab.

Zwei goldene Regeln: Wie können Sie den Perfektionismus ablegen?

Zwei einfache Regeln können Sie davor bewahren, in die Perfektionismusfalle zu tappen:

  • Regel 1: Als Profi akzeptieren und nutzen Sie die Stärken der anderen, anstatt selbst überall perfekt sein zu wollen – was ohnehin unmöglich ist!
    In einem guten Team bringt jedes Mitglied seine Stärken ein! Für Sie selbst bedeutet das: Seien Sie perfekt in Ihrem Kerngebiet.
  • Regel 2: Erfüllen Sie punktgenau die Erwartungen Ihres Auftraggebers – nicht mehr, nicht weniger!
    Wenn Sie hohe Qualität erbringen möchten, heißt das nicht, dass Sie die theoretisch bestmögliche Lösung liefern, sondern die Erwartungen Ihres Vorgesetzten erfüllen sollten. In der Management-Realität genügt oft eine 80-Prozent-Lösung, um eine für den Vorgesetzten oder Kunden optimale Leistung zu erbringen. Auch wenn es manchmal schwerfällt: In diesen Fällen ist es notwendig, Abstriche beim eigenen Leistungsanspruch zu machen.

Um den Perfektionismus dauerhaft abzulegen, sollten Sie beide Regeln gleichermaßen beachten.

Perfektionismus ablegen: Wie sieht das in der Praxis aus?

Praxistest Regel Nr. 1:  Was ist mein Kerngebiet?

Vielleicht fragen Sie sich jetzt. Ja, toll, aber woher soll ich wissen, was mein Kerngebiet ist? Wo liegen meine Stärken? Machen Sie bitte einen kleinen Realitätscheck. In welcher Rolle befinden Sie sich gerade? Mitarbeiter? Führungskraft? Geschäftsführer, C-Level?

Zu allen drei Rollen gehören unterschiedliche Kerngebiete:

  • Als Mitarbeiter werden Sie dafür bezahlt, dass Sie eine Expertise haben (meistens ein Fachgebiet) und Sie selbst die Aufgaben umsetzen.
  • Sind Sie Führungskraft, werden Sie dafür bezahlt, das Sie gemeinsam mit Mitarbeitern oder anderen Experten zu einem Ergebnis gelangen. Sie werden nicht dafür vergütet, dass Sie alles selbst machen, sondern dass Sie andere Mitarbeiter befähigen, zu Ergebnissen zu gelangen. Im Grunde sind Sie wie ein Dirigent eines Orchesters. Sie dirigieren, die Musiker spielen auf den Instrumenten – und das Ergebnis ist ein meisterhaftes Musikerlebnis.
  • Als Geschäftsführer werden Sie dafür bezahlt, das Unternehmen zukunftsorientiert zu führen. Das bedeutet, Sie entwickeln (gemeinsam mit anderen) eine Vision, eine Strategie und halten viele Kontakte zu Stakeholdern außerhalb des Unternehmens.
Praxistest Regel Nr. 2: Was sind die Erwartungen an mich?

Viele meiner Klienten glauben, die Erwartungen der Vorgesetzten kennen zu müssen, ohne mit den Chefs zu sprechen. Sie haben den Anspruch an sich selbst: Das muss ich doch „wissen“. Ich möchte Sie beruhigen: NIEMAND ist mit einer Glaskugel auf die Welt gekommen. Niemand muss wissen, welche Erwartungen Ihr Gegenüber an Sie hat.

Daher trauen Sie sich und fragen Sie: „Chef, was erwarten Sie von mir?“ Bohren Sie so lange weiter, bis Sie Ihren Vorgesetzten verstanden haben. Stimmt es mit Ihren eigenen Erwartungen überein? Falls ja, prima. Falls nein, erlauben Sie es sich, mit Ihrem Vorgesetzten zu diskutieren.

Die Erfahrung zeigt, dass die beiden goldenen Regeln dazu beitragen, den eigenen Perfektionismus abzulegen. Gleichzeitig erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Lob und Anerkennung für Ihre Leistungen erhalten.

Perfektionismus ablegen – das Video

Im Video fasse ich für Sie die wichtigsten Punkte, wie Sie den Perfektionismus ablegen und der Perfektionismusfalle entkommen können, zusammen.

Sie hören lieber?

Hier geht es zur passenden Podcast-Folge:

Perfektionismus ablegen: Endlich weniger Stress und mehr Anerkennung | RAUS AUS DEM HAMSTERRAD #27

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

P.S. Fragen Sie sich auch manchmal, wie Sie besser Ihren Perfektionismus ablegen können? Schreiben mir gerne eine Mail.

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei

CIO
Harvard Business Manager