Der Leistungsträger - Blog

Nahezu jeder hat Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Und wegen dieser Angst treffen viele gar keine Entscheidung. Andere wiederum wollen auf Nummer sicher gehen und treffen rationale Entscheidungen, die auf Zahlen, Daten und Fakten basiert. Die Frage ist: Wie soll ich unter Unsicherheiten eine Entscheidung treffen? Worauf kann ich mich verlassen, damit ich die bestmögliche Entscheidung treffe?

Falsche Entscheidung – gute Entscheidung

Intuition? Um Führungsprobleme zu lösen? Hier scheiden sich manchmal die Geister. Die einen, überzeugte Zahlen-Daten-Fakten-Menschen, finden, dass eine rationale Entscheidung zu guten Ergebnissen führt. Sie sind der Meinung, dass dieses undefinierbare Bauchgefühl im Führungsalltag nichts verloren hat. Sie sind sogar überzeugt, dass diese Vorgehensweise zu falschen Entscheidungen führt. Ihrer Meinung nach werden komplexe Entscheidungen durch Gefühle nur noch komplizierter.

Die anderen wissen, meist aus guter Erfahrung, dass ihre Intuition ein guter Wegweiser sein kann, gerade bei schwierigen Führungsentscheidungen. Was stimmt denn nun?

Falsche Entscheidung getroffen

Hand auf’s Herz, haben Sie schon einmal eine falsche Entscheidung getroffen? Meistens weiß man das ja immer erst im Nachhinein. Von mir kann ich behaupten: Ja, ich habe falsche Entscheidungen getroffen.

So habe ich mir mal einige falsche Entscheidungen vorgeknöpft und habe reflektiert:

  • Warum habe ich diese Entscheidung getroffen?
  • Was war die Grundlage für diese Entscheidung?
  • Wie war mein Bauchgefühl während des Entscheidungsprozesses?

Wissen Sie was? Bei mir war es jedes mal so, dass ich mehr den Fakten geglaubt habe, als meinem eigenen Bauchgefühl.
Jedes mal, wenn ich letztlich eine Entscheidung getroffen habe, die sich als „falsch“ herausgestellt hat, hatte ich schon zu Beginn ein ungutes Bauchgefühl. Dieses habe ich zur Seite gedrängt, ich schenkte ihm keinen Glauben. Stattdessen schenkte ich den Argumenten meines Gegenübers oder den Zahlen, Daten, Fakten mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung. Diese nahm ich auch als Grundlage für eine Entscheidung. Eben im Nachhinein eine falsche Entscheidung. Wie war es bei Ihnen?

Rationale Entscheidungen

Rationale Entscheidungen und noch mehr Analyse führen nicht unbedingt zu gewünschten Ergebnissen. Das beobachten Neurowissenschaftler in den verschiedensten Bereichen des Alltags. Sie erforschten, dass Bauchentscheidungen manchmal zu besseren Ergebnissen führen.

Wie kann das sein? Der Gehirnforscher Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität in Bremen schätzt, dass uns weniger als 0,1 % dessen, was unser Gehirn tut, aktuell bewusst wird. Somit werden 99,9 % unbewusst erledigt.

Im Grunde ähnelt damit die bewusste Ratio einem Scheinwerferlicht, das einen Punkt im Raum klar beleuchten kann. Der Rest des Raumes bleibt im Dunkeln. Unser bewusstes Denken ist somit sehr präzise und fokussiert, fixiert sich aber auf Details und verliert schnell das große Ganze aus dem Auge.

Unser Unterbewusstsein gleicht dagegen eher einem schwachen Flutlicht, mit dem man nicht jede kleine Feinheit erkennen kann. Alles wird ein bisschen beleuchtet.

Wann das Bauchgefühl hilfreich ist

Tatsächlich ist es so, dass die Neurowissenschaften in den letzten Jahren nachweisen konnten, wie Entscheidungen funktionieren: niemals ohne Emotionen nämlich.

Im Gegenteil: Menschen, die zum Beispiel durch einen Unfall eine Schädigung in dem Gehirnbereich davon getragen haben, der für die emotionale Bewertung von Vorgängen zuständig war, sind danach nicht mehr in der Lage, auch nur einfachste Entscheidungen zu treffen. Sie wägen morgens endlos ab, ob es die graue oder die grau-blau gestreifte Krawatte sein soll. Und die klassische Pro-contra-Liste hilft ihnen dabei leider auch nicht.

Noch viel weniger sind sie dazu fähig, komplexe Entscheidungsprozesse zu vollziehen.

Entscheidung unter Unsicherheit

Der Hirnforscher Gerd Gigerenzer, der das Buch Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition geschrieben hat, ist der Meinung, dass unter Unsicherheit – wenn also zum Beispiel nicht alle oder auch zu viele Details bekannt sind – einfache Strategien, Erfahrung und Intuition zusammenwirken für eine bessere Problemlösung.

Was ist die Grundlage richtiger Entscheidungen?

Bei komplexen Situationen erweist sich also die Intuition und das Unterbewusstsein mit der eher „unscharfen“ aber breiteren Wahrnehmung als sehr erfolgreich: Dadurch, dass unser Unterbewusstsein einen Blick für das große Ganze hat, behält es bei komplexen Fragen den Überblick. Es trifft die bessere Entscheidung.

Unser Bewusstsein (Ratio) hingegen würde bei komplexen Fragen sehr schnell an die natürlichen Kapazitätsgrenzen gelangen und sich in der Not an einige wenige Details klammern, was i. d. R. zu einer falschen Entscheidung führt.

Hier kommen wir also zu einer ganz neuen Betrachtung, was die Basis für eine gute und richtige Entscheidung ist. Das Zahlenmaterial alleine ist es offensichtlich nicht.

Gerade wenn wir es mit Menschen und Organisationen zu tun haben, ist es von Vorteil auch menschliche Verhaltensweisen und Reaktionen mit einzubeziehen. Ich finde, es wäre geradezu sträflich bei einer Führungskraft, ihre eigenen Erfahrungen und sozialen Kenntnisse zu vernachlässigen. Es macht absolut Sinn unserem Bauchgefühl manchmal etwas mehr Wertschätzung zuzubilligen und zuweilen auch mal bewusst gegen die Zahlen zu entscheiden. Leider ist das in der heutigen „Absicherungskultur“ nicht immer einfach.

Der Intuition auf die Schliche kommen

Wie wäre es, wenn Sie als Leistungsträger Ihrem Bauchgefühl auch mal gegen Widerstände vertrauten? Was dabei helfen kann, ist ein kritisches Ausleuchten. Das hat sich bei vielen meiner Klienten auch im Executive Coaching bewährt. Wenn sich also ein komisches Gefühl meldet und signalisiert „Hier läuft etwas nicht so gut“ – dann können folgende Fragen helfen, dem Bauchgefühl auf die Spur zu kommen und es hinsichtlich seiner Bedeutung zu bewerten:

  • Was gefällt mir gerade nicht?
  • Was läuft vielleicht sogar schief?
  • Was steckt wirklich hinter der Äußerung oder Handlung des Gegenübers?

Wenn man so systematisch mit den Signalen umgeht, die die eigene Intuition einem schickt, merkt man schnell, wie zuverlässig das „Bauchgehirn“ funktioniert. Und es hilft dabei, Entscheidungen zu treffen, die sich auf reiner Faktenbasis schwer begründen lassen. Die Praxis zeigt sogar, dass diese Vorgehensweise vor falschen Entscheidungen schützt.

Kopf und Bauch in eine Linie bringen.

Es gibt hier zwei verschiedene Vorgehensweisen:

  1. Bauchmenschen
    Diese Führungskräfte nehmen Ihr Bauchgefühl wahr und nehmen es als wichtige Informationsquelle ernst. Sie konzentrieren sich darauf. Im nächsten Schritt holen Sie den Kopf dazu – ich nenne es: Sie machen den Realitätscheck. Sie gleichen beide Informationsquelle miteinander ab. Sie bringen also Kopf und Bauch in eine Linie.
  2. Rationale Menschen
    Andere Führungskräfte gehen lieber den Weg anders herum: Sie starten auf sachlicher Ebene, also mit dem Kopf, und setzen Prioritäten. Dieses Ergebnis gleichen sie dann mit dem Bauch ab.

Ziel ist es, Kopf und Bauch auf eine Linie zu bringen und nicht einseitig zu entscheiden. Hinter der Entscheidung steht dann eine feste innere Haltung, die dazu führt, dass die Umsetzung meist äußere Unterstützung findet. Und Sie auf jeden Fall vor einer schlechten Entscheidung  bewahrt.

Fazit:

Wenn Sie sich vor einer falschen Entscheidung schützen wollen verlassen sich viele Führungskräfte auf den rationalen Verstand. Sie haben in diesem Artikel gelesen, dass dies oftmals kein erfolgversprechender Weg ist – insbesondere, wenn es sich um komplexe und schwierige Herausforderungen und damit Entscheidungen handelt.

Das Unterbewusste, bzw. die Intuition ist ein wesentlicher Schlüssel für gute Entscheidungen.

So lautet die Zusammenfassung: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Situation oder einen Menschen richtig bewerten, ist dann am größten, wenn Intuition und kritische Reflexion zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Herzliche Grüße

Gudrun Happich

Gudrun Happich

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Foto: Depositphotos 216613688 ©ra2studio

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei

CIO
Harvard Business Manager