Der Leistungsträger - Blog

Ich glaube, es gibt keinen Unternehmenslenker, keinen Führungsexperten, keinen Zukunftsforscher, der nicht sagt, dass Führung im Zeitalter der Digitalisierung neu überdacht werden muss und damit auch eine ganz andere Art von Führungspersönlichkeit gefragt ist. Viel ist in diesem Zusammenhang die Rede von flachen Hierarchien, Empathie, Werten, Emotionalität im Top-Management. Für Sie als Führungskraft bedeutet das, dass Sie sich der Rolle, der Situation und Ihrer Persönlichkeit entsprechend so verhalten können, dass es sich für Sie stimmig anfühlt. In diesem Blog habe ich in allen möglichen Facetten über dieses Thema geschrieben, z.B. in dem Beitrag Führung im Zeitalter der Digitalisierung. Sehr häufig beschäftigen Fragen rund um den Umgang mit den eigenen Gefühlen, Emotionalität im Top-Management, meine Klienten im Executive Coaching. Und leider ist es noch immer so, dass es in vielen Unternehmen eine riesige Kluft zwischen „Soll“und „Ist“- Zustand gibt.

Zu weich für den Vorstand?

Ich hab erst kürzlich im Blog von einem IT-Ingenieur berichtet, der als Führungskraft im Top-Management des Tochterunternehmens eines großen Konzerns überragende Erfolge vorweisen konnte und beim Team überaus beliebt war. Nun war er für eine Vorstandsposition vorgeschlagen worden und wollte sich – kluger Mensch, der er ist – im Executive Coaching auf den Bewerbungsprozess und seine mögliche neue Rolle vorbereiten. Die Konzernspitze hatte ihm nahegelegt, doch dringend an seiner Führungskompetenz zu arbeiten und sich deutlich mehr Härte im menschlichen Miteinander zuzulegen. Die Organisation tritt nach außen sehr modern auf und wirbt mit ihrer sozialen Netzwerkstruktur.

Emotionalität im Top-Management – soll und ist

Bis zur mittleren Führungsebene geht es in vielen Unternehmen mittlerweile weitgehend transparent, offen, menschlich zu. Ganz oben ist aber Schluss damit. Gefühle, Emotionalität im Top-Management sind nicht gefragt oder werden irgendwie als gefährlich oder unprofessionell eingestuft. Einige schockierende Beispiele und kluge Expertenmeinungen zu dieser Diskrepanz zwischen Sein und Schein finden Sie in diesem SZ-Artikel: Emotionen im Job – Heul doch!
Im Führungskräfte Coaching habe ich den Klienten ganz gezielt auf die gänzlich anderen Spielregeln im Vorstand vorbereitet. Doppelbödige Kommunikation, auch unsaubere Spielchen, immer mehr weg vom Inhalt hin zum Taktieren und über Bande spielen – das ist wirklich nicht jedermanns Sache.

Ihr persönlicher Preis

Der IT-Ingenieur hat aber nach dem Durchspielen verschiedener Szenarien und sehr viel Reflexion entschieden: Ich will das machen! Ich will etwas bewegen, diesen Konzern, den ich kenne und schätze und der in Teilen ja durchaus schon modern funktioniert, mitgestalten. Und das kann ich im Vorstand am besten. Tatsächlich ist es ihm dank dieser inneren Klarheit gelungen, das Spiel mitzuspielen, sich aber innerlich nicht zu verbiegen und Schritt für Schritt zu einem Kulturwandel beizutragen. Es gibt aber auch Klienten, die im Laufe des Prozesses für sich erkennen, dass sie doch nicht ganz nach oben wollen, IHR persönlicher Preis, den sie dafür zahlen müssten, zu hoch ist. Das ist genauso legitim: Es geht immer darum, den für sich besten Platz zu finden, wo Rolle, Umfeld und Aufgabe passen. Denn damit erzielen Sie für sich selbst und das Unternehmen die beste Wirksamkeit.

Unterschiedliche Rollen, eine Person

Emotionalität im Top-Management klingt für viele wie ein Widerspruch. Wir alle haben aber Gefühle, die sehr viel mit unserem grundlegenden Wertesystem zu tun haben. Ein Mensch hat zwar verschiedene Rollen in seinem Leben, aber er ist eben doch nur eine Person, die von einheitlichen Werten und Motiven geprägt ist. Diese im Einklang mit der Situation und der Rolle leben zu können, ist enorm wichtig. Und das ist leider noch immer oft ein schwieriger Weg. Ein altgedienter CIO brachte es vor seinem Ruhestand auf den Punkt:

Wenn man seine Aufgabe mit Haut und Haaren und aus Überzeugung macht, blickt man wie ich auf ein erfülltes Berufsleben zurück. Andernfalls solle man seine Finger von der Aufgabe lassen, der Preis ist enorm hoch.

Ihre Gudrun Happich

Fotoquelle: iStock

Executive-Coach Gudrun Happich schreibt auch bei