Themen im Führungskräfte Coaching: Führen nach oben I

Themen im Führungskräfte Coaching: Führen nach oben I

In der Blog-Reihe „Themen im Führungskräfte Coaching“ geht es diesmal um eine ganz besondere Herausforderung: das Führen nach oben. Bei der Führung des Vorgesetzten  lassen sich zwei grundsätzliche Konstellationen unterscheiden. Der erste Fall zählt eher zum Alltag: Eine Führungskraft muss ihren Vorgesetzten zu einer Entscheidung veranlassen, um bei der täglichen Arbeit voranzukommen.  Weniger alltäglich für den Erfolg einer Führungskraft, aber umso entscheidender ist die zweite Konstellation: Die Führungskraft hat eine Idee oder ein Ziel und benötigt hierfür die Unterstützung des Vorgesetzten. Hier beginnt die eigentliche Kunst des Führens nach oben. Dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit als Executive Coach:

Das Projekt vor dem Aus

Mein Klient Herr S., Prokurist in einem internationalen Konzern, befürchtete, dass auf einer Vorstandssitzung mit dem «Big Boss» und weiteren zehn Personen eine Entscheidung gegen „sein“ Projekt gefällt werden würde. Dieses Aus hätte sich  negativ auf seine berufliche Entwicklung ausgewirkt. „Wie kann ich das Gespräch und meinen Vortrag so lenken, dass die Entscheidung in meinem Sinne fällt?“, lautete seine Frage im Führungskräfte Coaching. Herr S. plante fachliche Argumente und Informationen für sein Projekt zusammenzutragen.  Ich erklärte ihm, dass auf der obersten Ebene andere Spielregeln herrschen, als er es aus dem mittleren Management gewohnt war.  Anstatt weiter nach fachlichen Argumenten zu suchen, machten wir uns nun Gedanken über die Konstellation der Vorstandsmitglieder.

Allianzen und Gegnerschaften

Mein Klient hatte folgendes beobachtet: Während der stark werteorientierte Vorstandsvorsitzende ein Mann der wenigen Worte war, herrschte unter den übrigen Herren des Vorstands ein Hahnenkampf um die Aufmerksamkeit. Wir entwickelten eine Strategie: Herr S. sollte sich keinesfalls auf diesen verbalen Wettstreit einlassen, sondern anderweitig die Aufmerksamkeit des Vorstandsvorsitzenden gewinnen. Ich bat ihn ein Bild zu zeichnen, dass die Beziehung der Vorstandsmitglieder, ihre Allianzen und Feindschaften, völlig unabhängig von ihrer hierarchischen Position, darstellte.  Der Vorstandschef schätzte demnach vor allem zwei Führungskräfte, den einen für sein Netzwerk, den anderen für seine große Erfahrung.

Verbündete gewinnen

Genau zu diesen beiden Vorständen sollte mein Klient eine Beziehung aufbauen, um sie als Verbündete zu gewinnen,  nach  dem Prinzip: „Gib ihnen, was sie brauchen – und du bekommst, was du selber willst.“ Er sollte sein  Argumente zudem so aufbereiten, dass sie der wertebasierten Philosophie des Vorstandsvorsitzenden entsprach. In seinem Vortrag baute er also ganz bewusst die Stärken dieser beiden Vorstände mit ein und suchte im richtigen Augenblick ihren Blickkontakt. Zudem unterstrich er die Bedeutung der Mitarbeiterpotenziale für den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens  – das hatte zwar nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun, entsprach aber den Wertvorstellungen des Vorsitzenden. Herr S. versuchte erst gar nicht mit fachlichen Argumenten das Projekt zu verteidigen, sondern er griff die Philosophie des Vorsitzenden auf und hatte genau damit Erfolg – der Vorstand fällte die Entscheidung für das Projekt.

Deutlich wird an diesem Fall, wie wenig es im Top-Management auf Inhalte, wie sehr es hingegen auf die emotionalen Beziehungen der Handelnden untereinander ankommt. Mein Klient sah sich mit einem komplexen Beziehungsgefüge konfrontiert, das einem Ökosystem ähnelt. Im nächsten Blog-Beitrag erfahren Sie, wie wir von der Natur das vernetzte Denken lernen können, das auf dieser Ebene entscheidend ist.

Wie führen Sie nach oben? Ich freue mich über Ihre Erfahrungen.

Ihre Gudrun Happich

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