Weggelobt – wie konnte das passieren?

Weggelobt – wie konnte das passieren?

Aus der Politik kennen wir das ja: Irgendjemand muss als Sündenbock herhalten und wird dann, wenn keiner mehr so genau hinschaut, „weggelobt“, gerne mal nach Brüssel oder in eine Behörde, von der noch nie jemand gehört hat.

Auch in größeren Unternehmen ist „Wegloben“ gängige Praxis. Manchmal merkt der Betroffene aber nicht einmal, dass er im Grunde bestraft wird. Oder er versteht den wahren Grund für diese Entscheidung nicht.

Folgende Situation:

Gerhard P. hat in letzter Zeit häufig Auseinandersetzungen mit seinem Vorgesetzten, dem Vorstand des Unternehmens, der durch einen eher amerikanischen Führungsstil geprägt ist. In einer besonders wichtigen Sitzung mit diesem Vorstand und einem Kunden kommt es zum Eklat:

Überzeugt spricht sich Gerhard P. gegen die Fortführung dieses Projekts aus. Damit stellt er sich direkt gegen seinen Vorgesetzten, der sich einige Zeit zuvor erst durch dieses Projekt den Vorstandsposten erkämpft hatte. Es war sein absolutes Lieblingsprojekt, für das er immer und überall die Fahne hochhielt.

Das Resultat:

Gerhard P. wird demnächst eine neue Position im Unternehmen übernehmen – und allmählich wird ihm klar, dass das nicht wirklich eine Beförderung, sondern tatsächlich eine Degradierung ist. Tatsächlich kann er noch froh sein, dass es nicht zum Rauswurf kam, denn das Projekt ist tatsächlich geplatzt.

Die Analyse:

Gerhard P. hat leider sämtliche Regeln des Topmanagements missachtet – obwohl er eigentlich dachte, im Sinne und zum Wohle des Unternehmens zu handeln. Er argumentierte sachlich, fachlich richtig, machte seine Meinung deutlich – teilweise allerdings in einem etwas besserwisserischen Ton nach dem Motto: Lieber Chef, ich weiß in diesem Projekt deutlich mehr als Du.

Aber: Er stellte sich – noch dazu öffentlich – gegen seinen direkten Vorgesetzten und entzog ihm damit seine Unterstützung. Das wird nicht nur im Topmanagement als Angriff gewertet. Gerade auf den obersten Führungsetagen kommt es darauf an, sich Verbündete zu schaffen.

Sicher, man kann anderer Meinung sein als der Vorgesetzte. Aber wenn man seine Auffassung durchsetzen möchte, muss man zu anderen Methoden greifen als der direkten Konfrontation. Damit manövriert man sich lediglich ins Abseits und kann letztlich gar keinen Einfluss mehr ausüben.

Gerhard P. hätte gut daran getan, sich im Vorfeld darüber klar zu werden, wer in diesem Spiel welche Interessen verfolgt. Vielleicht wäre es ihm dann möglich gewesen, eine sinnvolle Strategie zu entwickeln, bei der er die tatsächlichen Machtgrundlagen berücksichtigen konnte.

Wenn seine Karriere nach diesem Absturz wieder Fahrt aufnehmen soll, täte er wahrscheinlich gut daran, gezielt nach Möglichkeiten zu suchen, sich in der neuen Position zu profilieren oder sogar das Unternehmen zu wechseln, falls das gar nicht mehr klappen sollte. Und zwar unter Beachtung der bisher vernachlässigten Spielregeln. Nächste Woche stelle ich Ihnen übrigens eine mögliche Lösungsstrategie für so einen Fall vor.

Wenn Sie so lange nicht warten möchten:Wie Sie vom Chef bekommen, was Sie brauchen, können Sie in meinem Gastartikel bei der Karrierebibel nachlesen, einem Ausschnitt aus dem 5. Kapitel meines Buches.

Und auf dem metaHR-Blog habe ich gerade gestern 7 Tipps für den Weg ins Topmanagement vorgestellt.

Kennen Sie solche Situationen auch? Ich freue mich, wenn Sie Ihre Erfahrungen hier mit mir und meinen Lesern teilen.

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